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German: Audiodeskriptionen bei Vortrags- und Lehrveranstaltungen

Dieser Guide soll eine grobe Übersicht darüber geben, was bei Bildbeschreibungen berücksichtigt werden muss und was wichtig ist, wenn das ganze live und ohne Vorkenntnis des Inhalts wie beim Dolmetschen erfolgt. Wenn Zeit zur Vorproduktion zur Verfügung steht, gibt dieser Guide auch Anregungen und Ratschläge, wie das Endprotukt verbessert werden kann.

Audiodiskreptionen helfen, rein visuelle Inhalte redundant über Sprache zu vermitteln. Sie sollten dabei keine Informationen enthalten, die nicht gesehen werden können. Weil es teilweise sinnvoll ist, bestimmte Sachen vor einer zu erwartenden langen Rede zu beschreiben, solltet ihr mit Folien und Ablauf gut vertraut sein. Denn: eure eigene Stimme sollte gut von den Vortragenden unterscheidbar sein und ihnen nicht ins Wort fallen.

Bei Fragen und Anregungen wendet euch bitte gern an mich direkt per Social Media oder E-Mail - oder an mich (@nwng) im CCC-Rocketchat. Vielen Dank auch für die Unterstützung bei Formulierungen an Betalars vom C3 Inclusion Operation Center.

Für wen?

Audiodeskriptionen (AD) sind eine großartige Möglichkeit, Teilhabe für blinde und sehbehinderte Personen im Publikum eines Vortrags zu ermöglichen, da sie dadurch erfahren können, welche visuellen Inhalte auf der Bühne sonst nicht erfassen würden. Aber auch Menschen mit anderen Einschränkungen können davon profitieren. Diese Leute haben oft nicht die Möglichkeit, dem Geschehen auf der Bühne visuell zu folgen, sodass diese Dinge beschrieben werden sollen. Die Beschreibungen werden aber in erster Linie für diese Gruppe angefertigt, bitte verliert das nicht aus den Augen.

Dieser Guide soll euch helfen, einen guten Einstieg in das Thema zu finden. Alles können wir natürlich nicht abdecken, aber viel kommt auch einfach mit Erfahrung.

Bildbeschreibungen, ganz grob

Wie auch bei sämtlichen Beschreibungen, die man vielleicht früher in der Schule angefertigt hat, gilt: Interpretationen sind tabu. Es geht rein um faktische und objektive Wiedergabe der visuellen Begebenheiten. Die Kopf-Arbeit muss beim Publikum selbst passieren. Gerade bei Live-Veranstaltungen ist es oft schwer, hierauf Rücksicht zu nehmen, da eine direkte Interpretation vermeintlich sinnvoller erscheint als die Beschreibung selbst. Hier ein positives Beispiel:

Die Hackerin tippt hektisch Programmcode in die Tastatur ihres Notebooks.

versus ein schlechtes Beispiel:

Die Hackerin hackt mit Ihrem Notebook.

Beim ersten Beispiel handelt es sich um die Wiedergabe des Geschehens, beim Zweiten wird vermutet, dass die Hackerin “hackt”. Das Konzept “hacken” ist zudem eher unklar, weshalb es nur nach einer eingführten Definition der Vortragenden überhaupt genutzt werden sollte, wie jedes Fachwort im allgemeinen, wenn das Publikum nicht exklusiv Fachpublikum ist und man von einem gemeinsamen Wissensstand ausgehen kann.

Eine eventuell besser verständliche Erklärung von Betalars:

Wichtig beim Beschreiben ist, dass das parsen von dem, was passiert, auf der Seite der Zuhöhrenden passiert: Das heißt, wenn ihr beschreibt, solltet ihr primär darauf Wert legen: “was passiert da objektiv? und weniger: “Was bedeutet das in unserem Kontext?” Das heißt, wenn ihr seht, dass eine Hackerin hektisch auf ihren Notebook tippt, wisst ihr, dass sie da vermutlich gerade was zerhackt. Aber ihr solltet versuchen, wirklich nur das zu beschreiben, was Augen sehen können.

Geschwindigkeit

Viele Menschen nehmen an, AD müssten allumfassend und besonders schnell gesprochen sein, aber in der Realität ist das Gegenteil der Fall. Obwohl blinde Menschen häufig mit sehr schneller Sprachausgabe arbeiten, unterscheiden sich AD durch die Einbettung in unkontrollierten Inhalt. Daher ist es wichtig, dass nur die absolut notwendigen visuellen Details einer Szene verbalisiert werden. Die Hoheit über Deutungen und Interpretationen von künstlerischen Darstellungen muss bei der verantwortlichen Künstlerin liegen.

Dass die AD nur während einer Redepause durchgeführt wird, ist sehr wichtig, da das selektive Hören der Menschen ansonsten ohnehin nur eine Stimme bewusst wahrnimmt und somit eventuell wichtige Informationen verloren gehen. Da dies insbesondere bei Live-Veranstaltungen nur sehr schwer zu gewährleisten ist, empfiehlt es sich, die AD erst im Anschluss an die Produktion anzufertigen, oder, wenn die zu vermittelnden Informationen zeitkritisch sind, deren Ausstrahlung minimal zu verzögern.

Gegebenenfalls muss die AD Inhalte vorgreifen, wenn keine Redepause zu erwarten ist. Deshalb ist es wichtig, dass die Beschreibenden vorher den genauen Ablauf der Veranstaltung kennen und Zugriff auf die Folien haben.

Die Stimme

Die Wahl der Stimme ist ebenfalls wichtig: Sie sollte möglichst kontrastreich gegenüber der Speakerin sein und muss möglichst unauffällig wirken, damit sie während Redepausen der Speakerin nicht sonstige Hintergrundgeräusche übertönt und ablenkt.

Präsentationsfolien

In aller Regel müssen bei Vorträgen nur zu Beginn die visuellen Begebenheiten wie Bühne, das Aussehen der Speakerin und ggf. das Raumlayout verbalisiert werden. Auf irrelevante Details einzugehen (wie z.B. in den meisten Fällen auf am Boden liegende Kabel, …) ist kontraproduktiv. Während des Vortrags müssen im Idealfall nur künstlerische Darstellungen und Folieninhalte beschrieben werden, die nicht sowieso schon akustisch vorgetragen wurden. Gute Speakerinnen benötigen für ihre Folien keine Beschreibung, da die Folien nur unterstützend verwendet werden und keine zusätzliche Information enthalten.

Es lohnt sich also immer, im Vorfeld zu eruieren, ob eine Audiodeskription überhaupt notwendig ist.

Personen

Personen werden erst mit Namen vorgestellt und angesprochen, wenn der Name vom Programm eingeführt und angekündigt wurde. Ansonsten werden grobe visuelle und alleinstellende Merkmale des Aussehens der Personen genutzt, z.B. “die Blonde” oder “der Große”.

Eine Ausnahme gibt es für sehr bekannte Personen, die von den meisten Sehenden sofort erkannt werden würden. Aber auch hier sollten grobe Beschreibungen des Aussehens ergänzt werden.

Beispiele

In der ARD-Mediathek sind viele hochwertige Audiodeskriptionen zu finden: https://www.ardmediathek.de/ard/suche/H%C3%B6rfassung/

Sprechende sollten sich selbstständig im Vorfeld mit den Methoden und Beschreibungsweisen vertraut machen, wie sie z.B. von der ARD angeboten werden. Dort werden professionelle Agenturen immer unter Beteiligung von blinden und sehbehinderten Menschen mit der Erstellung der AD beauftragt, sodass deren Qualität in den meisten Fällen sehr gut ist.

Erfahrungsgemäß sind die Audioproduktionen der “Sendung mit der Maus” sehr nützlich, denn sie bieten sowohl Stummfilm- als auch Erklärinhalte, die durch das Format jeweils sehr unterschiedlich vertont werden müssen. Als Beispiel bei künstlerischen Live-Performances bieten sich die Audiodeskriptionen zum Eurovision Song Contest oder des ZDF Fernsehgartens an.